Tue Dir etwas Gutes: Näh’ Dir dein Herzensprojekt – Teil 2

Näh Dir Dein Herzensprojekt

Weiter geht es mit meinem Herzensprojekt, einem Sommertop aus Webware mit Spaghettiträgern. Ich berichte über den Entstehungsprozess meines Schnittmusters, welches ich zunächst von einem Kaufkleid aus dehnbarem Stoff abgenommen und so modifiziert habe, dass es aus Webware nähbar ist. Da ich bislang wenig Webware trage, konnte ich kein vorhandenes Kleidungsstück auf meine Bedürfnisse abändern. Auch war es schwierig, mich korrekt auszumessen, da mir zu Coronazeiten eine helfende Hand gefehlt hat. So beschloss ich, meinem vorhandenen Schnittmuster für Wirkware eine großzügige Nahtzugabe zu verpassen und das Teil an mir abzustecken.

Das erste Probeteil

Dem Schnittteil habe ich – etwas blauäugig – 10 cm Weite zugegeben und alles einmal geheftet. Leider war das viel zu wenig! Ich bin fast nicht in das Top reingekommen, was mitunter auch am fehlenden Reißverschluss lag. Das Teil saß nicht völlig verkehrt, aber hauteng und ich hatte Angst auszuatmen. Natürlich hatte ich dann nicht mehr genug von meinem Probestoff für noch größere Schnittteile da.
Um an die erforderliche Mehrweite zu gelangen, habe ich vorderseitig einen Keil eingefügt. Bei meiner Stoffwahl sieht das sogar ganz cool aus. Hat was von einem Korsett. Das Rückteil konnte ich lassen, denn das ist ohnehin schmaler. Allerdings habe ich auch dieses zweigeteilt, um mein Hohkreuz besser ausgleichen zu können. Es folgten zahlreiche Anproben und das Versetzen von diversen Nahtlinien: mal ein bisschen mehr Weite seitlich, dann wieder weniger unter der Brust, ein erstaunlicher Bogen am Rücken.

Das erste Probeteil. Der tatsächliche Brustpunkt ist mit Stecknadeln markiert.

Im zweiten Schritt ging es an das Bustier, welches ich zunächst an die neuen Kantenlängen des Unterteils angepasst habe. Die ursprüngliche Passform war so gar nicht mehr gegeben: Der Abnäher saß nun zu weit außen, der Armausschnitt zu dicht an der Achsel und das Dekolleté war viel zu weit. Natürlich habe ich auch hier nicht genug Stoff dran gelassen, um ausreichend Spiel für Korrekturen zu haben, sodass ich nach weiteren Anproben jeweils Stoffstreifen am Dekolleté sowie unter der Brust einarbeiten musste. Die Hoffnung auf ein tragbares, wenngleich nicht perfektes Probeteil war damit leider hinüber. Zumindest konnte ich das Probeteil an der Nahtlinie zerschneiden, um die Schnittteile direkt auf Papier zu übertragen. Bis auf die Abnäher habe ich anschließend alles abgesteckt und entsprechend korrigiert.

Annäherung ans Hohlkreuz durch Verlegen der Nahtlinie.

Mit dem Keil wurde der zu knapp zugeschnittene Stoff erweitert.
Das Bustier soll der weißen Markierung folgend vergrößert werden.

Reinzeichnung des Schnittes und weitere Korrekturen

Mehr Nähte erreichen eine bessere Passform und erlauben mehr Körpernähe. Mit den Teilungen an Rücken und Vorderteil konnte ich meine Körperform sehr genau abbilden. Da mein eigentliches Oberteil aber aus gemustertem Stoff besteht, war es mein Zeil, wieder so wenige Schnittteile wie möglich zu bekommen, und zwar drei. Beim Vorderteil konnte ich alle Teile direkt zu einem Schnittteil zusammenfassen.

Um eine senkrechte rückwärtige Mitte zu erhalten,
erfolgt die Hohlkreuzanpassung an der Seitennaht:
sie verschiebt sich zur RM hin.
Der Abnäher wandert weiter zu Körpermitte hin und verkürzt sich.

Beim Rückteil war das wegen des Hohlkreuzes etwas komplizierter. Eine perfekte Passform, wie sie mit Abnähern oder zusätzlichen Nähten möglich ist, bekomme ich mit nur einem Schnittteil zwar nicht, aber mit der Anleitung von Melanie Stiebner eine hoffentlich respektable Annäherung. Dabei wird das Rückteil in der Länge gekürzt und die Seitenkonturen korrigiert, sodass sich der Stoff im Rücken nicht mehr so enorm staut.

Den Brustabnäher habe ich direkt im Schnittmuster an meinen tatsächlichen Brustpunkt angepasst: er wandert ein Stück nach innen und verkürzt sich etwas. Für saubere Übergänge an den Saumlinien musste die Nahtlinie jeweils in einem rechten Winkel enden und die noch recht groben Kurven wurden mit Hilfe eines Kurvenlineals verfeinert. Zuletzt habe ich noch die Längen der Seitennähte aufeinander abgestimmt.

Ein zweites Probeteil

Um mein Schnittmuster auf Herz und Nieren prüfen zu können, wollte ich ein weiteres Probeteil haben. Dafür musste ein alter Kinderbett-Baldachin herhalten, der dem finalen Stoff in seiner Beschaffenheit weitestgehend ähnelt. Zu meiner Zufriedenheit haben alle Schnittteile optimal zusammengepasst und es war schnell genäht. Auch hier habe ich noch auf den Reißverschluss verzichtet und entsprechend kam ich nicht ganz so gut hinein. Nebenbei bemerkt ist Ripsband für die Träger keine besonders komfortable Lösung. Aber die Passform war schon fast so, wie ich es mir wünsche und es fielen nur noch minimale Korrekturen an. Allerdings stand das Dekolleté unschön ab, sobald ich mich bewegte. Für ein nettes Foto hält es gut her, aber ich will es ja sorgenfrei tragen können.

Das zweite Probeteil sitzt schon ganz ordentlich.

Kurzerhand habe ich etwas weiche Wäschelitze angenäht und das Problem war behoben. Zwar wellt sich der Stoff ein bisschen, aber ich finde das in Ordnung so. Dafür bildeten sich für meinen Geschmack aber noch zu viele Falten am Rücken. Das hoffte ich mit etwas Mehrweite an den Seitennähten noch ausgleichen zu können. Schließlich fand ich die Saumlänge hinten nicht ganz optimal, denn beim Bücken lag der Rücken ein gutes Stück weit frei. Am Schnittmuster habe ich also die Saumlängen final definiert bzw. hinten auch noch mal verlängert und das Rückteil insgesamt ein wenig verbreitert. Damit hoffte ich, dass sich die Falten etwas glätten würden.

Das finale Werk

Mein eigentliches Kleidungsstück sollte natürlich komfortabel an- und auszuziehen sein, wofür ich einen nahtverdeckten Reißverschluss vorgesehen habe. Die Nahtzugabe der Seitennähte beträgt daher 1,5 cm, während alle anderen Stoffkanten mit 1 cm Nahtzugabe bemessen sind. Diese wurden versäubert nach innen geklappt und mit einem einfachen Steppstich gesäumt. Die Träger sind verstellbar und bestehen aus dem hautfreundlichen Hauptstoff, Schieber und Ringe habe ich einem ausgemusterten BH entnommen.
Genäht war das Top ganz fix. Nur ist mein Traumstöffchen doch ein bisschen zarter, als der des Prototyps, was zur Folge hat, dass das Bustier trotz Gummi am Ausschnitt zu weit ist und dazu starke Wellen wirft. Das Gummi zu kürzen war keine Option, denn so würden noch mehr Falten entstehen. Also musste ich die Nähte nochmal auftrennen und unter der Brust einen kleinen Keil herausschneiden, um die Saumlinie am Dekolleté entsprechend zu verkürzen.

Trotz Wäschelitze wellt sich der Ausschnitt.
Überschüssiger Keil aus dem inneren Dreieck des Bustiers.
Detail: verstellbarer Träger

Am unteren Teil hätte ich die Nahtlinie entsprechend ebenfalls etwas verkürzen müssen, was ich erst bemerkt habe, nachdem wieder alles fein säuberlich zusammengenäht war. Unter der Brust ist dadurch eine Raffung entstanden, die ich aber ganz charmant finde. Gerne hätte ich es an dieser Stelle noch anliegender gehabt, denn wie im Profil zu sehen ist, fällt der Stoff bei der Brust beginnend grade ab, statt der Kontur zu folgen. Die Mehrweite am Rücken hat leider auch nicht so ganz zum beabsichtigten Ergebnis geführt: der Stoff wirft nach wie vor Falten – nur etwas lockerer verteilt. Hätte ich die rückwärtige Saumlinie nicht wieder verlängert, wäre es vermutlich ganz gut gelungen.

Fertig!
Nahtverdeckter Reißverschluss an der Seite
Die Falten sind leider noch da.
Was soll‘s …

Fazit

Nach den vielen Stunden, die ich in dieses Oberteil investiert habe, lasse ich nun fünf gerade sein. Am Dekolleté sitzt das Top wunderbar, sodass ich mich ungeniert frei bewegen kann. Insgesamt macht es eine tolle Figur und ich fühle mich darin wohl. Vielleicht füge ich irgendwann doch nochmal einen Abnäher in das Rückenteil ein, denn das Muster steckt eine zusätzliche Naht doch besser weg, als ich dachte. Mal sehen … ich genieße in meinem Herzensprojekt nun erstmal die warmen Tage!

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